Xaviniesta und 30 weitere Gedanken

Nun ist sie vorbei, die erste WM auf afrikanischem Boden. Und was bleibt hängen nach 31 Turniertagen? Zumindest 31 persönliche Gedanken. Über den Fußball, über Südafrika, über Tröten, über Zakumi, einfach über alles.

Xaviniesta

Die Spanier sind Weltmeister. Und nicht die Treter aus Holland. Gott, was bin ich froh. Fußball ist also doch gerecht. Ich persönlich vergöttere ja Xavi und Iniesta. Die beiden Garanten für die Schönheit und Ästhetik der spanischen Ballzirkulation, die niemals unruhig werden. Xavi ist Herz und Hirn, er bestimmt Taktik, Tempo und Rhythmus. Eine Passmaschine, präzise wie ein Schweizer Uhrwerk und mit einem fantastischen Auge für die Lücke. „Seine Art, den Ball zu passen, zwingt das Spiel, ihm und seinen Ideen zu folgen.“ Jener Satz über Xavi stammt von Andres Iniesta. Diesem blassen, zerbrechlichen und zarten Wesen. „Bei ihm sieht alles Schwierige leicht aus“, erzählte Samuel Eto’o einmal über den begnadeten Techniker, der das Finale in Minute 116 entschied. Ich verneige mich.

Vuvuzela

Schon jetzt mein Topfavorit auf das Wort des Jahres. 20 600 000 Einträge bei Google. Ich fand’s einfach unglaublich, wer sich alles über die Tröte aufgeregt hat. Noch einmal zur Erinnerung, nur so ganz nebenbei: Die Welt war zu Gast in Südafrika. Und dort ist die Vuvuzela, so nervig sie auch klingen mag, Teil der Tradition. Aber in Deutschland will sie offenbar keiner haben. Nicht einmal mein Bruder. Drei Kinder hat er, zehn, acht und drei Jahre alt. „Was soll ich ihnen mitbringen“, fragte ich einen Tag vor meinem Abflug. Seine Antwort: „Keine Vuvuzela!“ Schade.

Elf Freunde

Schlappe fünf Wochen habe ich in Südafrika verbracht, und sofort elf neue Freunde gefunden. Und so sieht sie aus, meine ultimative Lieblings-Elf dieser WM: Casillas – Lahm, Piqué, Ricardo Carvalho, Fabio Coentrao – Schweinsteiger – Müller, Xavi, Iniesta – Messi, Forlan

Linksverkehr

Was wurde vorher ein Bohai veranstaltet, was für Ängste geschürt wegen der Sicherheit in Südafrika. Sogar von schusssicheren Westen war die Rede. Besonders die englischen und deutschen Medien hatten daran ihren Anteil. Und, was ist passiert? Eben. Der größten Gefahr für Leib und Leben, der ich ausgesetzt war, bestand im Linksverkehr. Aber nicht beim Autofahren. Sondern wenn ich zu Fuß die Straße überquerte. Immer schaut man zur falschen Seite.

Jabulani

Ach ja, der Ball. Das unbekannte, flatternde Flugobjekt. Was er alles zu verantworten hatte. Unglaublich. Die vielen Torwartfehler, die wenigen Freistoßtore, den Hunger in der Welt. Hat sich jemand der kickenden Millionarios eigentlich angeschaut, welche Spielgeräte die Jungs in den Townships über die staubigen Plätze treten? Zusammengeknotete Socken, Coladosen, Tennisbälle. Ob diese Buben auch über Flugeigenschaften nölen?

Minitaxi

„Von Fahrten mit Minitaxis wird dringend abgeraten“, schreibt das Auswärtige Amt in seinen landesspezifischen Sicherheitshinweisen. Meine Erfahrungen aus Kapstadt sind andere. Die Lenker dieser Kleinbusse heizen, schneiden, hupen, pfeifen und rufen unentwegt, aber es ist in der Stadt definitiv die beste Gelegenheit, von A nach B zu kommen. Und die spaßigste. Zumindest wenn man drin sitzt. Als Autofahrer vor, neben oder hinter ihnen ist das Vergnügen nicht mehr ganz so groß. Wer mitfahren möchte, stellt sich einfach an die Straße und gibt Handzeichen. Wo der Fahrgast rausgelassen wird, entscheidet er selbst. Viele Schwarze nutzen Minitaxis, die Putzfrau ebenso wie der Anzugträger. Aber viel zu wenig Touris. Ein Fehler, wie ich meine.

Vegetarier

Die Menükarten der südafrikanischen Restaurants sind fleischlastig. Kudu, Springbock, Antilope, Strauß, Elefant und, und und. Ich selbst ziehe es vor, diese Tiere in freier Wildbahn zu bestaunen, anstatt sie auf dem Teller zu zerteilen. Ich bin Vegetarier. Aber verhungert bin ich in Kapstadt nicht. Selbst wenn der ein oder andere Moment gewöhnungsbedürftig war. Einmal saß ich mit einem Kollegen im Steakhouse. Doch, doch, es gibt dort vegetarische Kost. Nudeln, Salat, Bier. Er bestellte ein Steak. Und was passierte? Die Bedienung kommt nach einer Minute zurück. Mit einem Holzbrett in der Hand. Darauf lagen sechs verschiedene Fleischstücke. Roh. Und dann erzählte sie: „Das ist das T-Bone, das ist das …“. Mhhhmm. Ich zog dann doch die Getränkekarte vor.

Schland

Es hat Vorteile, eine WM vor Ort zu verfolgen. Und nicht in Deutschland. Vom lästigen Fernsehprogramm rund um die neunzig Minuten bekommt man null mit. Der Nachteil: Man muss auf die fantastische Stimmung auf den Fanmeilen der Republik verzichten. Und diese Ausgelassenheit war berechtigt, angesichts der Spielkultur „unserer Jungs“. Ups, das Wort geht einem doch viel leichter über die Lippen als noch zu Bertis oder Erichs Zeiten mit ihrem Rumpel- und Maltafüßerfußball. Es sah plötzlich alles so leicht, so schnell, so direkt, so elegant aus. Neben Spanien spielten Löws Jünger gewiss den attraktivsten Fußball des Turniers. Und der war fast so sehenswert wie diese junge Dame. Ist übrigens auch aus Schland.

Tränen

„Ghanas Tränen könnten Flüsse füllen“, schrieb 11Freunde in ihrem Liveticker nach dem Viertelfinal-Aus gegen Uruguay im Elfmeterschießen. Diese WM zeigte jedenfalls eindrucksvoll, dass sich der Mann seiner Tränen nicht mehr schämt. Ob Portugals Eduardo, Spaniens Casillas oder Nordkoreas Star Jong. Der flennte sogar schon vor dem Spiel gegen Brasilien.

Makarapas

Wer nach Kreativität bei dieser WM Ausschau hielt, wurde eher selten auf dem grünen Rasenrechteck fündig. Umso mehr jedoch beim Blick auf die Köpfe der Fans. Das Einfallsreichtum kannte keine Grenzen. Besonders beliebt waren Perücken im Afrolook oder Makarapas. Künstlerisch gestaltete Bauarbeiterhelme. Eine kleine Galerie findet sich rechts. Hut ab, sage ich nur.

Maradona

Nein, keine Kopfbedeckung. Vielmehr einer der besten Fußballer dieses Universum. Diese Zeiten sind allerdings lange vorbei. Und der Versuch, als Trainer zu reüssieren, darf man getrost als gescheitert betrachten. Kein Zweifel, seine Pressekonferenzen hatten enormen Unterhaltungswert, seine Qualitäten als Trainer indes waren arg limitiert. Zwar stand ihm eine Auswahl famoser Spieler zur Verfügung, aber entweder ließ er sie zu Hause (Zanetti, Cambiasso), setzte sie kaum ein (Milito, Veron) oder vergaß, ihnen eine sinnvolle Taktik mit auf den Weg zu geben. Wie sagte Thomas Tuchel nach Argentiniens Niederlage gegen Deutschland doch so treffend: „Ich finde es gut, dass die Mannschaft mit Trainer und mit Plan gegen die Mannschaft ohne Trainer und ohne Plan gewinnt.“

Gerechtigkeit

Diese jetzt folgende Beobachtung ist geklaut. Von Tom. Aber sie ist einfach zu gut, um sie zu verschweigen. Er schreibt, dass diese “WM sehr gerecht war. Die Deutschen nahmen Revanche für das Wembleytor, die Franzosen wurden bestraft wegen Henrys

Handspiel und der Durchschlepper rächte sich an mir für eine böse Bemerkung.” Letzteres ist ein Insider. Aber alles muss man an dieser Stelle schließlich auch nicht verraten.

Les Miserables

Zwei Dinge werden von dieser WM in Erinnerung bleiben, sagte ein ehemaliger französischer Nationalspieler. Der Weltmeister und die französische Nationalelf. Letztere wegen eines desaströsen Auftritts auf und neben dem Platz.  Kübelweise ergoss sich der Spott über die Grande Nation. Wie schreibt Kabarettist Claus von Wagner  im heutigen kicker so treffend: Auf französisch klingt „…dich in den Arsch, du Hurensohn“ überraschend elegant.

Zakumi

So heißt das Maskottchen der WM. Ein Leopard. Gesehen hat ihn allerdings kaum jemand, nicht einmal bei der Eröffnungsfeier sei er irgendeinem aufgefallen. Mich wundert es nicht, Leoparden sind nachtaktiv. Die Sueddeutsche hat eine andere Theorie. Es hänge damit zusammen, dass die Südafrikaner die Produktion der Plüschmaskottchen nach Asien verlagert haben, anstatt den eigenen Leuten Arbeit zu geben. Nachlässig frisiert und masernkrank sei er obendrein. Aber immerhin trug er eine Hose, …

Goleo

…was einen zwangsläufig zu Goleo führt. Über den exhibitionistisch veranlagten Löwen habe ich an dieser Stelle allerdings so oft berichtet, dass jetzt unbedingt andere Tiere an der Reihe sind. Schließlich tauchen viele von ihnen in den Spitznamen der Nationalteams auf. Es gibt die Wüstenfüchse (Algerien), die Elefanten (Elfenbeinküste), die unzähmbaren Löwen (Kamerun), das unzähmbare Pferd (Nordkorea), die Super-Adler (Nigeria) oder die weißen Adler (Serbien). Für Aufregung sorgte allerdings ein anders Geschöpf mit Flügeln. Ein Hahn. Während des Spiels zwischen Uruguay gegen Frankreich zeigte das Fernsehen einen französischen Fan im Stadion, der einen lebendigen Hahn küsst. Seither rätseln die Organisatoren, wie er das Wappentier des französischen Fußballverbandes in die Arena schmuggeln konnte und warum Leute überhaupt Hühner mitnehmen. Liebe Veranstalter, bei den Franzosen muss einen nach diesen Wochen doch wahrlich gar nichts mehr wundern.

Dunes Café

Wer überlegt, in Südafrika seinen Urlaub zu verbringen und einen Abstecher in die Hout Bay plant, sollte unbedingt das „Dunes Café“ aufsuchen. Es ist ein wunderbarer Platz, um zu frühstücken und zu chillen. Liegt direkt in der Bucht, fast auf den Dünen, mit freiem Blick aufs Meer. Und wer weiß, vielleicht kommt sogar Goleo vorbei.

Townships

Besuche in Townships sind beliebt. In Kapstadt buchen jährlich etwa 300000 Menschen eine Tour durch ein Elendsviertel. Ein Veranstalter erzählte, dass durch den Film „Slumdog Millionaire“ der Umsatz um 25 Prozent gestiegen ist. Die Entscheidung, ob man als Tourist dadurch stapft, muss jeder für sich selbst treffen. Befürworter argumentieren, man wolle Urlaubern die Vorurteile nehmen, zudem dürfe man den Blick für die Realität nicht verschließen. Kritiker indes geißeln die Besuche als Armutsporno. Ich selbst war in keinem Township. Nicht weil ich die Augen verschließe, sondern weil ich befürchte, die Menschen könnten es als weitere Demütigung empfinden. Und das Spenden von Geld dient bei vielen doch eh nur als Gewissensberuhigung. Viel sinnvoller wäre es, sich selbst zu engagieren. So wie Florian Zech. Der 23-jährige Deutsche lebt in Kapstadt und hat in Khaylitsha ein Sozialprojekt gegründet. Auch Patenschaften oder dauerhafte Spenden wären nachhaltiger. Elend und Armut indes als Event zu inszenieren, das lehne ich ab.

Mixed-Zone

Sie ist sowieso nicht der Ort für substanzielle Aussagen oder geistreiche Fragerunden, die Interviewzone nach Fußballspielen. Aber für Journalisten bei Großveranstaltungen leider eine der seltenen Gelegenheiten, mit Spielern zu sprechen oder ihnen zumindest zuzuhören, um ein halbwegs zitierfähiges Statement zu erhaschen. Dass ein Reporter für dieses ohnehin zweifelhafte Vergnügen mittlerweile eine Nahkampfausbildung benötigt, war mir indes neu. Um den Usern dieses Blogs eine bildliche Vorstellung davon zu geben, habe ich eine solche Rudelbildung mit der Digitalkamera festgehalten. Und wäre dafür beinahe mit dem Entzug meiner Akkreditierung bestraft worden. Ein strebsamer LOC-Officer hatte mich beobachtet, als ich das Foto schoss (der Interviewte hinter der Meute ist übrigens Cristiano Ronaldo) und es der FIFA gemeldet. Denn Fotos in der Mixed-Zone sind nicht erlaubt. Ich hatte Glück und durfte weiter berichten. Trotz der Schwere des Verbrechens.

Cristiano Ronaldo

Da er gerade erwähnt wurde, selbst wenn er nicht sichtbar ist, möchte ich kurz bei Cristiano Ronaldo verweilen. Dem teuersten Fußballer der Welt. Aber keine Angst. Da mich an anderer Stelle ein User bereits des Ronaldo-Bashing bezichtigte, verzichte ich auf weitere Beschimpfungen der portugiesischen Diva. Und stelle nur kurz fest – ich weiß, das habe ich jetzt nicht weltexklusiv –, dass die großen, globalen Superstars bei dieser WM arg enttäuscht haben: Ronaldo, Rooney, Ribery, Torres, Kaka. Nur halte ich nichts davon, daraus einen Trend abzuleiten. Zum Beispiel, dass die große Zeit der Individualisten vorbei ist. Nein, die Fälle sind getrennt voneinander zu betrachten. Aber bei Ronaldo bin ich mir ganz sicher,….ach lassen wir das.

Octopus Paul

Gestatten, Paul. Octopus Paul. Ob gerührt oder geschüttelt? Keine Ahnung Aber ein Rückblick ohne ihn, die  Krake von Oberhausen, wäre eine Unterlassungssünde. Dafür mache ich es kurz, denn die Welt weiß eh alles über den Tintenfisch, der alle Ergebnisse der deutschen Mannschaft richtig voraussagte. Und auch den Weltmeister.

Iker Casillas

Ohne seine fantastische Reaktion gegen Robben, der alleine auf ihn zusteuerte, wäre Spanien wahrscheinlich kein Weltmeister. Doch nicht nur mit dieser Aktion sorgte Iker Casillas für Aufsehen. Sondern auch mit einem Kuss. Der spanische Schlussmann busselte nach dem Abpfiff eine Fernsehmoderation vor laufenden Kameras ab. Wer’s nicht glaubt, youtube liefert den Beweis. Was man als Erklärung jedoch mit überliefern sollte: Die Journalistin ist seine Freundin. Während Casillas nach dem Kuss wortlos abdampft, ist der holden Schönheit die Situation sichtlich peinlich. Warum eigentlich?

Rugby

Ab sofort rückt der Fußball in Südafrika wieder in den Hintergrund, stattdessen läuft Cricket und Rugby im Fernsehen, der Sport der weißen Bevölkerung. Denn die Rassegrenzen sind auch dort, ähnlich wie beim „schwarzen“ Fußball, noch längst nicht überwunden. Die Springboks, das südafrikanische Rugbynationalteam, kam am Samstag beim Eröffnungsmatch der Tri-Nations durch ein 12:32 gegen die All Blacks aus Neuseeland gehörig unter die Räder. Das Rückspiel zwischen den beiden Auswahlteams, die zu den besten der Welt gehören, steigt am 21. August im 94000 Zuschauer fassenden Soccer City Stadium in Soweto. Man rechnet mit einer nahezu ausverkauften Arena.

Ajax Cape Town

In der obersten südafrikanischen Fußballliga kickt neben Santos ein weiterer Klub aus Kapstadt: Ajax Cape Town, die südafrikanische Talentschmiede von Ajax Amsterdam, für die der Aschaffenburger Max Grünewald als Teammanager jobbt (siehe früherer Blogbeitrag). Der 1999 gegründete Klub, der für gewöhnlich zwischen 5000 und 10000 Fans hat, möchte künftig im Green Point Stadium (siehe Foto unten) spielen. Fassungsvermögen: 65000 Zuschauer. Und flugs wären wir beim nächsten Thema angelangt mit Namen…

Weißer Elefant

Nein, es geht ausnahmsweise nicht um ein Tier. Als „Weißer Elefant“ bezeichnet man ein überflüssiges Bauwerk. Und von denen stehen jetzt einige in Südafrika herum. Denn für die meisten der zehn WM-Stadien ist noch kein schlüssiges Konzept für die Nutzung nach dem Turnier in Sicht. „Es muss eine Balance zwischen Fußball und Rugby gefunden werden, um die geeignete Nachnutzung der Stadien zu gewährleisten“, sagt Danny Jordaan, der Chef des WM-OK. Nur: In Polokwane und Nelspruit gibt es keine Fußball- und keine Rugbymannschaft. Und in Kapstadt stellt sich die Frage, ob die ortsansässigen Klubs überhaupt in den WM-Bau wechseln möchten.

Biltong

Ich verstehe ja nichts davon, denn ich esse kein Fleisch. Aber mir wurde berichtet, dass Biltong verdammt lecker sein soll. Das ist luftgetrocknetes Fleisch von verschiedenen Tieren der Prärie. Und ein verdammt beliebter Stadionsnack. Was dem Deutschen die Bratwurst, ist dem Südafrikaner das Biltong. Oder der Biltong? Oder die Biltong? Mir soll’s wurscht sein.

Ausländerhass

Zuletzt mehrten sich die Nachrichten, Südafrika befürchte direkt im Anschluss der WM, sobald die Weltpresse verschwunden sei, Gewaltaktionen gegen die sechs Millionen Ausländer, die im Land leben. Den Zuwanderern aus Nachbarstataen wird von Südafrikanern vorgeworfen, ihnen die Arbeitsplätze wegzunehmen und sich staatliche Leistungen zu erschleichen. Kommt ihnen irgendwoher bekannt vor? Die Deutsche Presseagentur meldet bereits am heutigen Montag, dass sich auf der Westkap-Halbinsel zahlreiche afrikanische Zuwanderer in den Schutz von Polizeiwachen flüchteten.

Schiedsrichter

Auch so ein Thema bei dieser WM. Aber soll ich jetzt auch noch draufkloppen? Es hat doch eh jeder diese uneinheitliche Regelauslegung und die bisweilen unsäglichen Fehlentscheidungen gesehen. Immerhin scheint die FIFA erkannt zu haben, dass der Videobeweis vielleicht doch für mehr Gerechtigkeit zumindest bei strittigen Torszenen sorgen könnte. „Aber wie immer, wenn die FIFA denkt“, findet Claus von Wagner, „kann das dauern.“

Englische Fans

Es folgt eine Hymne auf die englischen Fußballanhänger und ihre wunderbare Fankultur. Denn der schlechte Ruf, der ihnen vorauseilt, ist zumindest was dieses Turnier betrifft komplett unberechtigt. Ich durfte es in Kapstadt selbst erleben. Sie haben getrunken, sie haben gefeiert, sie haben gesungen. Aber sind nie gewaltätig aufgefallen. Und wären sie nicht gewesen, ich hätte in Kapstadt niemals das Gefühl gehabt, in einem stimmungsvollen Fußballstadion zu sitzen. Gegen Algerien war die gesamte Arena in Weißrot getaucht. Und als die englischen Schlachtenbummler während des Spiels die Nationalhymne anstimmten, lief mir ein Schauer über den Rücken. Cheers!

Weißer Hai

Knapp zwei Stunden von Kapstadt entfernt liegt Gansbaai, die Gänsebucht. Wer abenteuerlustig ist, sollte dort hinfahren. Denn weil auf der zwölf Kilometer vor der Küste gelegenen Insel Dyer Island eine 30000-köpfige Robbenkolonie lebt, wimmelt es in den Gewässern von Weißen Haien. Um die possierlichen Tierchen beobachten zu können, bieten Veranstalter Cage diving an. Man steht also in einem Käfig unter der Wasseroberfläche und kann ihre kleinen Beißerchen aus der Nähe sehen. Wer allerdings ein Schisser ist, so wie ich, lässt das sein. Denn Sehenswertes gibt es auch vom Land aus zu sehen. Wie diese Wellenreiter am Strand von Llandudno in der Nähe der Hout Bay. Hat auch was Und vor allem beißen die nicht.

Ein Land im Aufbruch

Wie ich die Südafrikaner erlebt habe, wurde ich in den letzten Tagen der WM oft von Einheimischen gefragt. Hauptsächlich freundlich, offen, neugierig und stolz, antwortete ich. Und das waren keine Höflichkeitsfloskeln. Die Vorurteile, die es im Vorfeld reichlich gab, insbesondere wegen der hohen Kriminalität, wurden nicht bestätigt. Was mich persönlich aber nicht sonderlich überraschte, denn ich durfte das Land bereits vor drei Jahren bereisen. Die Stimmung während des Turniers war friedfertig, fröhlich und unbeschwert. Nur darf man sich davon nicht täuschen lassen. Denn die junge Demokratie, die sich erst Anfang der Neunziger Jahre von der Apartheid befreite, steht vor immensen Aufgaben. Rassenkonflikte, die extreme Kluft zwischen Arm und Reich, hohe Arbeitslosigkeit, schlechte Strom-und Wasserversorgung in den Armenvierteln oder die erschreckend hohe Rate HIV-Infizierter sind nur ein paar von vielen ungelösten Problemen im 49-Millionen-Einwohner-Staat. Und die müssen gelöst werden, damit die WM den erhofften Schub bringen kann.

Ausgebloggt

So. Jetzt ist aber wirklich Schluss. Ich kann nicht mehr. Wie sagte Peter Lustig immer am Ende von „Löwenzahn“: Ihr könnt jetzt abschalten. Es kommt nichts mehr. Versprochen. Nur noch der Tafelberg. Obwohl: Die Jungs von kicker-online sind bestimmt noch wach. Probiert es doch dort einmal. Die haben immer irgendwelche Neuigkeiten.

Stasi-Verhöre wegen Goleo

Goleo muss so kurz vor Ende des Turniers natürlich noch einmal thematisiert werden. Und Ludmilla aus Alaska auch. Aber zu ihr später mehr, bleiben wir zunächst bei unserem WM-Maskottchen von 2006, dem kleinen Nackedei ohne Hose. In einem früheren Beitrag erwähnte ich ihn bereits, weil er fremdging und, gekleidet in ein englisches Fantrikot, in der Hout Bay badete. Vor etwa zwei Wochen tauchte er dann plötzlich bei Spiegel-Online auf.

Das Webportal des deutschen Nachrichtenmagazins hatte eine Story über die 15000 Volunteers bei dieser WM veröffentlicht. Also über die freiwilligen Helfer, ohne die eine solche Großveranstaltung nicht funktionieren würde, weil sie Fans vor dem Stadion bei der Orientierung helfen, Medienvertretern im Stadion die Plätze zuweisen, Transportdienste übernehmen und, und, und. Die investigativen Kollegen deckten jedenfalls auf, unter welchen konfusen Bedingungen die Volunteers in Südafrika teilweise arbeiten mussten. Von einer chaotischen Organisation und schlechter oder fehlender Verpflegung war die Rede.

In einem der zahlreichen Beispiele erwähnten sie eine Helferin, die trotz Zusage nicht am Flughafen abgeholt wurde und in der Ankunftshalle nächtigen musste. Was für eine junge Frau in einem südafrikanischen Terminal nicht unbedingt ein Vergnügen ist. Und das sollte nicht die einzige Transportpanne bleiben. Der Shuttle-Service, der die Volunteers nach getaner Arbeit vom Stadion zu ihren Unterkünften bringen sollte, funktionierte insbesondere bei den Abendspielen meistens nicht. Und das in Städten wie Johannesburg oder Kapstadt, durch deren Straßen man nachts nicht laufen sollte. Betitelt war der Artikel mit „Freiwillig, hungrig und ohne Hose“. Aus dem Umstand, dass es zu den grünen Uniformen nicht genügend passende Hosen gab, folgerte die gewitzte Kollegin süffisant, Goleo sei schuld. Weil er als WM-Maskottchen 2006 auch keine Hosen trug.

Wer als Volunteer bei einer Weltmeisterschaft arbeitet, muss eine gehörige Portion Idealismus mitbringen. Denn diese tragen nicht nur die Kosten für Flug und Unterkunft selbst. Diejenigen, die einen Job haben, opfern auch weite Teile ihres Jahresurlaubs. Andere, die noch studieren, müssen nicht nur doppelte Miete zahlen, ihnen geht auch das Geld flöten, dass sie während der WM durch Jobs einnehmen würden. Unter diesen Voraussetzungen könnte man meinen, dass die FIFA ihren Hilfskräften zumindest das Leben und Arbeiten vor Ort nicht noch erschwert. Aber wer das denkt, irrt gewaltig.

Die Zuständigkeit für die freiwilligen Helfer legte der Weltverband in die Hände des LOC, dem lokalen Organisationskomitee. Das Gremium versprach jedem Volunteer einen Tagessatz von 11 Euro. Wer ein Taxi zu seiner vielleicht weiter entfernten Wohnung benötigte, weil der Transport mal wieder nicht funktionierte, dem blieb davon nicht viel übrig. Nicht unterschlagen darf man natürlich, dass die Volunteers täglich einen 6-Euro-Gutschein bei Woolworths und einen 6-Euro-Essensgutschein erhielten. Bei McDonalds. Für ausgewogene, leckere und gesunde Ernährung hatte das LOC also immerhin gesorgt… Drei kostenlose Getränke pro Tag gab es obendrauf. Als am Anfang der WM die Coca-Cola–Helfer streikten, kam es zu einem Überschuss der braunen, süßlichen Brause. Also durften sich die Helfer ein paar Tage lang kein Wasser aussuchen, sondern nur Cola.

So weit, so schlecht. Aber es wird noch besser. Nachdem der Spiegel-Artikel erschienen war, herrschte bei FIFA und LOC helle Aufregung. Das Nachrichtenmagazin hatte all diese Internas von einem der Volunteers, aber, wie in solchen Fällen üblich, den Namen desjenigen verändert. Fortan begab sich das LOC auf die Suche nach dem Maulwurf. Einer “Ingrid, Studentin aus Berlin, die schon bei der WM 2006 oder EM 2008 gearbeitet hat” und nun in Kapstadt eingesetzt wird. Ohne auf den Gedanken zu kommen, dass vielleicht nicht nur der Name, sondern auch die anderen Details über die Person aus Gründen des Informantenschutzes verändert waren. Das LOC startete also Verhöre. Die Verdächtigen wurden einzeln vernommen von der Chefin aller Volunteers und dem Boss des Medienbereiches. Beim ersten waren die beiden wohl so schlecht informiert, dass sich das verdächtige Mädel im Handumdrehen entlasten konnte. Bei Verhör Nummer drei hatten sie mehr Glück. Weil eine der Helferinnen ein reines Gewissen hatte, gab sie unumwunden zu, zwar Freunden von ihrer Arbeit erzählt zu haben, aber gewiss keiner Journalistin. Für das LOC indes reichte das aus. Man nahm dem Mädel die Akkreditierung weg und sie flog hochkantig raus. Ohne Beweis. Und ohne auf die Idee zu kommen, dass die Beschuldigte von jemand anderem denunziert worden sein könnte, um den Verdacht von sich wegzulenken. Das Bauernopfer war gefunden und zumindest in Kapstadt und auch Port Elizabeth wurde umgehend ein Meeting mit den Volunteers einberufen. Sie wurden mit den Worten „Passt auf, was ihr sagt“ eindringlich davor gewarnt, mit Journalisten über Internas zu reden.

Woher ich das weiß? Von Ludmilla aus Alaska. So heißt nämlich meine Informantin. Gut, das findige LOC-Management hat zwar jetzt leichtes Spiel, denn viele Mädels aus Alaska wird es ja nicht geben. Aber egal…

„Dass unter den Volunteers einige waren, die andere verpetzten und anschwärzten, haben wir relativ schnell gecheckt“, erzählt Ludmilla. „Das Wort Stasi fiel häufig.“ Und diese Diffamierungen waren offenbar erwünscht. „Wenn ein Volunteer zum Beispiel auf der Tribüne mit seiner Digikamera ein Foto vom Spiel schoss, kam es oft vor, dass ein diensteifriger Kollege befahl, das Foto wieder zu löschen, weil es nicht gestattet war.“ Speziell ein ganz bestimmter LOC-Officer (sein Name ist mir bekannt, aber ich möchte dessen Karriere auf keinen Fall gefährden…) habe ihnen immer wieder absolutes Misstrauen entgegengebracht. „Der vermittelte uns ständig, dass wir eh nur gekommen wären, um die Spiele zu schauen und Spaß zu haben“, sagt Ludmilla. „Von ihm habe ich nie ein Danke oder eine Entschuldigung gehört.“

Vergangenen Donnerstag fand in Kapstadt dann die Abschiedsparty für alle freiwilligen Helfer statt. Und was dort ablief, war sinnbildlich. Um zwölf Uhr sollte es offiziell losgehen, 15 Uhr wurde es. Und das Essen sowie die Getränke reichten für die Anwesenden bei weitem nicht aus. Immerhin bekam jeder ein Geschenk: Einen orangefarbenen Turnbeutel aus Plastik, zwei FIFA-Ansteckpins und ein Plüschtier. Nein, nicht Goleo. Das Maskottchen hatte eine Hose an. Und hört auf den Namen Zakumi. Ein grünhaariger Leopard. So manches Kindergartenkind hätte sich bestimmt diebisch darüber gefreut.

P.s.: Sollte ich morgen trotz dieses Beitrages noch auf freiem Fuß sein, folgt mein ultimativ letzter Blog-Beitrag über diese WM. Und dann hat es sich ausgebloggt.

Ein Geisterfahrer mit Einkaufswagen

Knapp fünf Wochen war ich nun in Kapstadt und während dieser Zeit habe mich mehrfach gefragt, ob ich hier leben könnte. Meistens kam der Gedanke auf beim Anblick der Townships, in denen der Großteil der schwarzen Bevölkerung lebt. Etliche ohne Strom, ohne Wasser und ohne Perspektive. Fährt man auf der Autobahn aus Kapstadt raus in Richtung Flughafen, erstrecken sich kilometerweit die schiefen Hütten und Wellblechbaracken der Schwarzen.

Beklemmend sind für einen privilegierten Westeuropäer wie mich nicht nur die bittere Armut, die immense Arbeitslosigkeit, die gewaltige Quote HIV-infizierter Menschen, die hohe Kriminalitätsrate oder die erhebliche Gewalt innerhalb der Familien, die in vielen Elendsvierteln vorherrscht. Neben der Vorstellung eines solch unwürdigen Lebens erschreckt mich besonders, wie wenig dort offenbar ein Menschenleben zählt. Gestern fuhren wir beispielsweise auf der mittleren von drei Spuren stadtauswärts, erlaubt ist eine Geschwindigkeit von hundert Stundenkilometern. Die Autobahn war stark befahren und plötzlich tauchte auf der rechten Spur ein Mann auf, der einen Einkaufswagen vor sich her schob. Aber nicht in Fahrtrichtung, sondern als Geisterfahrer. Da keine Standspur existierte, rollte er sein Gefährt auf der Fahrbahnmarkierung vorwärts.

Und das ist kein Einzelfall. Im weiteren Verlauf der Fahrt sahen wir Schulkinder, die mit ihren Fahrrädern auf dem Seitenstreifen direkt neben der Fahrbahn fuhren. Und zwar nicht hinter der Leitplanke. Denn eine solche gibt es gar nicht. Andere wiederum flitzten quer über die Fahrbahn, um auf die gegenüberliegende Straßenseite zu gelangen. Und im Abstand von wenigen Kilometern tauchten immer wieder Bolzplätze auf. Dort spielten Kinder auf der Wiese, vielleicht zehn Meter neben der Autobahn. Die Geschwindigkeitsbegrenzung beträgt dort übrigens 120 km/h.

Und all dies potenziert sich noch durch den krassen Gegensatz zwischen Arm und Reich, der einem auf Schritt und Tritt begegnet. So zum Beispiel in Camps Bay, dem noblen Wohnort am anderen Ende der Stadt mit seinem herrlichen weißen, von Palmen gesäumten Sandstrand. Hier, direkt an der Küste, schmiegen sich die Villen der Wohlhabenden an den Berg. Es ist der in mediterranes Flair getauchte Hotspot der Schicken und Potenten. Nicht selten kann man beobachten, wie eine braungebrannte Schönheit mit ihrem Gucci-Handtäschchen über die Straße stakst, während auf der anderen Seite ein Schwarzer die Mülleimer nach Essbarem durchwühlt. Neulich konnte ich sogar hautnah beobachten, wie ein Besucher vor dem Eintritt ins Café einem Parkwächter seine Kippe, von der vielleicht noch ein Zentimeter bis zum Filter übrig war, abgab. Und jener diese glücklich zu Ende rauchte.

Dort an der Promenade, wo teure Restaurants und Bars zum Cocktail bei Sonnenuntergang einladen, floriert das Geschäft der Parkwächter bestens. Sie stehen an der Straße, in Signalwesten gekleidet, und weisen den Autofahrern Parklücken zu. Anschließend „bewachen“ sie das Auto, bis der Gast wieder davonbraust. Als angemessene Bezahlung gelten zwei bis fünf Rand. Also zwischen 20 und 50 Cent. Für den Spender bedeutet das nicht mehr als Almosen. Für den Empfänger indes viel Geld. Der Reiche zahlt gerne, es tut ihm nicht weh und er beruhigt sein Gewissen. Aber es gibt noch eine andere Seite der Medaille. Was sollen Kinder und Jugendliche denken, wenn sie so etwas sehen? Sagen die sich nicht: Warum soll ich überhaupt zur Schule gehen, wenn sich auf derart simple Art und Weise Geld verdienen lässt?

Beim Abschiedsessen mit Chris, Nadja und den vier Kindern, bei denen ich für die Zeit der WM Unterschlupf fand, fragte ich, wie sie persönlich die tägliche Konfrontation mit der Armut erleben. Blendet man die Realität einfach aus, schließt sich ein und macht einfach die Augen zu, so wie es viele Weiße tun? Oder wie kann man helfen? Seit mehr als fünf Jahren wohnt die Familie in Südafrika. Chris arbeitet für eine Firma, die Software für Banken vertreibt. Nadja, eine deutsche Journalistin, ist mittlerweile Goldschmiedin und verkauft ihren eigenen Schmuck. Für südafrikanische Verhältnisse verdienen sie gut. Aber sie gehören nicht zu jenen Menschen, die sich in Camps Bay niederlassen würden. Zwar besitzen sie ein großes Haus mit Alarmanlage, die jeden Abend scharf gemacht wird. Aber es besitzt mit seinem abbröckelnden Putz eher den wildromantischen Charme einer kleinen Farm mit Garten und vielen Tieren.

„Wir versuchen, im Rahmen unserer Möglichkeiten so vielen Einheimischen wie möglich in unserem Haus eine Arbeit zu geben“, erzählt Nadja. Die Familie beschäftigt zwei Hausangestellte, einen Hausmeister und einen Fitnesstrainer. „Letzterer ernährt davon sieben Familienmitglieder“, ergänzt Chris, der auch eine Ziegenfarm besitzt. „Und unsere Küchenhilfe konnte sich durch das Geld in einem Township ein Haus für ihren Mann und ihre drei Kinder bauen.“ Ursprünglich stammt sie aus einem Dorf mit Rundhütten. Das Township war für sie der erste Schritt in eine bessere Zukunft, so surreal sich das für unsere Ohren auch anhören mag. „Diese Menschen besitzen sehr viel Stolz und Würde“, erklärt Chris. „Man darf ihnen nie das Gefühl geben, sie zu bemitleiden oder gar als Opfer betrachten.“

Als die Familie von ihrer Angestellten ins neue Haus im Township eingeladen wurde, „hat uns das Gemeinschaftsgefühl, was dort herrscht, am meisten imponiert“, erzählt Chris. In das dortige Waisenhaus bringen sie seit Jahren regelmäßig die Klamotten, die die Kinder ablegen. Zudem haben sie eine Patenschaft für ein Kind übernommen. Und sollte eine der Angestellten erkranken, nimmt Nadja sie mit zu ihrem eigenen Arzt. So viel Glück haben aber nur die wenigsten hier. „Bei vielen Townshipbewohnern liegt die medizinische Unterversorgung ja nicht daran, dass das Geld für den Arzt fehlt“, sagt Nadja. „Die haben nicht einmal das Busgeld, was sie für die Fahrt zum Doc benötigen.“

Moby Dick, Schweini und die Speikobra

„Du hast doch zu viele Diplomatiekekse gefressen“, simste mir gestern eine Freundin aus Frankfurt. Bloß weil ich nicht in die allgemeine Trauerkakophonie der deutschen Fußballgemeinde einstimmen wollte. Aber ich kann mich nun mal nicht ärgern, wenn der Gegner so fabelhaft, so dominant, so verzückend aufspielt, wie es die Spanier taten. So weit reicht mein Patriotismus bei weitem nicht.

Während manch Löwianer gestern Abend in den Bars Kapstadts verpassten Finalträumen nachhing und es als seelische Grausamkeit empfinden musste, dass die 0:1-Niederlage erneut in voller Länge über die Flatscreens flimmerte, hatte ich meinen Spaß am Tiki Taka. Perfekt sei dieser Fußball trotzdem nicht, meinte ein Gesinnungsgenosse, wie ich Anhänger iberischer Ballästhetik. Sie produzierten aus ihrer Dominanz einfach zu wenig Tore. Gemeinhin teile ich viele seiner Gedanken. Diesen nicht. Weil er neben der Jammerei eine weitere typisch deutsche Eigenschaft widerspiegelt. Ich nenne sie gerne Krümelspalterei.

Wenig später trat ich den Heimweg an, mit dem Auto die Küste entlang. Im Radio liefen auf Five-FM die Achtuhr-Nachrichten. Und was muss ich hören? Octopus Paul. Kein Scherz. Ein südafrikanischer Radiosender verkündete, dass er am Freitag um elf Uhr voraussagt, wie das Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Uruguay endet. Nur zum Verständnis: Octopus Paul ist ein Tintenfisch! Langsam zweifelte ich an meinen südafrikanischen Kollegen. Nicht zum ersten Mal übrigens. Schon 2007, bei meinem ersten Urlaubstrip ans Kap, war ich einigermaßen baff, als es Knut als große Aufmachergeschichte auf die Titelseite einer der angesehensten Kapstädter Tageszeitungen schaffte. Ein Eisbär!

Aber vielleicht muss das so sein in einem Land, das dermaßen viele wilde Tiere beherbergt. Schlangen übrigens auch. Aber auf die war ich wenigstens vorbereitet. Kurz bevor ich nach Südafrika aufbrach, entdeckte ich im Internet auf Zeit online einen Artikel zum Thema: Was Fans für die WM in Südafrika wissen müssen. Und darin erklärte mir Esther Kogelboom, die ich neulich in meinem Lieblingscafé direkt in den Dünen der Hout Bay traf, was zu tun ist, wenn eine Speikobra meinen Weg kreuzt: „Ruhe bewahren und einfach weiter gehen.“ Ja, so simpel kann es manchmal sein.

Ein wenig kam ich aber dann doch ins Grübeln. Und zwar als Nadja, meine Vermieterin, eines morgens beim Frühstück so ganz nebenbei erwähnte, dass unzählige Schlangen im Gras und den Büschen des Grundstücks herum zischelten. Das ließ mir dann doch keine Ruhe. Also erkundigte ich mich bei Patrick, dem Gärtner, Hausmeister und Mechaniker des Hauses. Patrick ist Südafrikaner. Und er sieht aus wie einer, der in den U-Bahnschächten der Konsti nächtigt (für Nicht-Frankfurter: Abkürzung für Konstablerwache). Aber hinter seiner hageren, grau zugewachsenen Fassade steckt eine derart faszinierende und komplexe Gestalt, wie mir Chris versicherte, dass man über sein Leben einen Roman schreiben müsste. Nur sind selbst die wenigen Details, die ich erfuhr, gewiss nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Verraten kann ich nur so viel: Patrick zieht es vor, in der Garage zu wohnen. Und nicht in den von Chris und Nadja eigens hergerichteten Räumen. Wenn er sich abends dorthin zurückzieht, leiht er sich oft Bücher der beiden aus. Meistens philosophisches Zeugs. Als ich neulich morgens Chris in verschwitzten Klamotten erblickte und ihn fragte, welchen Sport er betrieben hatte, erwidert der kurz: Pilates. Ich runzelte die Stirn. „Wie soll ich das auf Englisch erklären“, murmelte  er, „das ist schwierig.“ Nicht für Patrick. Er brachte es in zwei kurzen Sätzen auf den Punkt. „Außerdem mache ich auch Pilates“, versicherte Patrick. Ja, ja, gewiss, dachte ich. „Der Garten ist mein Pilates.“ So ist er. Trockener Humor. Hochintelligent. Irgendwie schräg. Und oft denke ich auch: Der macht sich über den blöden Europäer lustig. So wie gestern morgen. „Die meisten Schlangen hier sind harmlos“, sagte er. „Sogar die Hühner fressen sie manchmal auf.“ Mmh. „Laufen die Giggel und auch die Gänse deshalb heute frei herum und müssen nicht in ihr Gehege“, fragte ich. „Nein, heute ist freedom day.“ Tag der Freiheit. Alles klar.

Für mich galt das im übrigen auch. Ich hatte frei. Und so beschloss ich, zum Whalewatching nach Hermanus zu fahren. Dort in der Walker Bay tummeln sich zwischen Juni und Dezember derart viele Wale, dass mein Reiseführer das einstige Fischerdorf zum besten Ort der Welt erklärte, um die friedfertigen Meerestiere von Land zu beobachten. Hermanus beschäftigt eigens einen Whale-Crier (Wal-Ausrufer, siehe Foto), um die Touristen zu warnen, wenn einer der Moby Dicks bläst. Als wir, ein Kollege und eine Kollegin, nach zwei Stunden vergeblichen, aber kurzweiligen Wartens langsam nervös wurden, buchten wir eine Bootstour mit „190-prozentiger Wahrscheinlichkeit, Wale zu sehen“, versprach der Veranstalter.

Das Boot schaukelte derart, dass mir spontan die Speikobra wieder in den Sinn kam. Um mich abzulenken, erzählten wir uns ein paar Tiergeschichten. Ich plauderte, wie begeistert ich von meiner Safari war, weil ich erstmals Elefanten und Löwen in freier Wildbahn beobachten konnte, während es mein Kumpel kaum erwarten konnte, wie abends wohl die entdeckten Antilopen, Kudus oder Springböcke munden würden. Dazu muss man wissen: Ich bin Vegetarier.

Unterdessen berichtete meine Kollegin von der Oma einer Freundin, die eindringlich vor Pavianenbanden gewarnt habe. Diese gewitzten Affen hätten einen neuen Trick. Einer würde sich tot stellen und auf die Straße legen. Und wenn ein Autofahrer anhält und rausspringt, untersuchen die anderen das Gefährt nach Essbarem. Die Oma muss eine Verwandte von Patrick sein, dachte ich noch, als plötzlich der Motor abstarb.

Mit einem Mal liefen alle mit orangefarbenen Schwimmwesten ausstaffierten Touris zum vorderen Teil des Bootes. Und von dort aus sah man sie, vier oder fünf Wale, die ihre massigen Körper aus dem Wasser hievten. „Och sind die süß und niedlich“, entfuhr es der jungen Kollegin. Nun gut. Diese beiden Adjektive würden mir nicht auf Anhieb einfallen, wenn ich diese hässlichen und tonnenschweren Ungetümer beschreiben müsste, aber in der ersten Erregung sei es verziehen. Außerdem ist sie eine Frau. Die geraten auch in Verzückung, wenn Schweini auftaucht. Dieses Lebewesen indes, liebe südafrikanische Medienvertreter, wäre trotz des Ausscheidens im Halbfinale mal eine fette Story auf Seite 1 wert. Denn der war bei dieser Weltmeisterschaft tierisch gut.

Der traurigschönste Moment des Turniers

Wenn heute Abend Hollands Endspielgegner feststeht, wird es gewiss wieder Männer geben, die Tränen vergießen. Nicht nur aus Enttäuschung, auch aus Dankbarkeit. So wie es Maarten Stekelenburg gestern tat. Der holländische Schlussmann fiel seinen Kollegen um den Hals, weil die Elftal trotz seines Fehlers bei Diego Forlans Prachtschuss zum 1:1 ins Finale vorstieß mit einem 3:2-Sieg über Uruguay. Da sich das Turnier so langsam dem Ende zuneigt, möchte ich an dieser Stelle kurz innehalten und an den für mich traurigschönsten Moment dieser Weltmeisterschaft erinnern. Auch er handelt von den feuchten Augen eines Torhüters. Aufgeschrieben habe ich ihn für das Buch “WM 2010 Süafrika” des kicker-Sportmagazin/SVEN SIMON. Es erscheint im Copress-Verlag und ist bereits in der Woche nach dem Finale im Handel erhältlich. Diese und viele andere Geschichten, die das Turnier schrieb, haben meine kicker-Kollegen gesammelt und notiert:

Kaum hatte Hector Baldassi ein letztes Mal inbrünstig in seine Trillerpfeife getrötet, sackte der in schwarz gekleidete Mann an Ort und Stelle in sich zusammen. Und begann bitterlich zu weinen. Viele rannten herbei, um ihm aufzuhelfen, aber er schien untröstlich. Irgendwann erhob er sich doch, das Gesicht immer noch mit Tränen benetzt. Keiner der heraneilenden vermochte sie zu stoppen. Den weitesten Weg, um Trost zu spenden, nahm Iker Casillas auf sich. Der spanische Schlussmann schüttelte kurz ein paar Hände, bevor er vom gegenüberliegenden Ende des Spielfeldes schnellen Schrittes auf den Trauernden zueilte. Und dann umarmten sie sich.

Diese rührige Begegnung der beiden Schlussmänner war die mit Abstand schönste Szene des Abends. Sogar schöner als eines dieser sanften No-Look-Anspiele von Xavi. Oder die Neun-Pass-Ballstafette der spanischen Kurzpassvirtuosen, die im 1:0 gipfelte und den Bruderkampf letztlich entschied. Eduardo, dieses portugiesische Häufchen Elend, hatte sich 94 Minuten lang mit Händen und Füßen gegen die nach der Pause aufkommende Chancenwucht des Europameisters gestemmt und sich bisweilen eine kleine Privatfehde mit dem schusswütigen David Villa geliefert. Letztlich vergeblich. In der 63. Minute knackte Spaniens Torjäger Eduardos Nimbus der Unbezwingbarkeit. Nach 763 gegentorfreien Minuten in Serie, einem neuen nationalen Rekord. Und das Schicksal wollte es so, dass dem einzigen Torwart, der beim kontinentalen Kräftemessen bis zu diesem Zeitpunkt ohne Gegentreffer geblieben war, auch noch Ungerechtigkeit widerfuhr. Denn Villa traf aus einer Abseitsposition heraus. Knapp zwar und ohne technische Hilfsmittel kaum zu erkennen, aber unbestritten.

Als der 27-Jährige Keeper, der mit Champions-League-Teilnehmer Sporting Braga seine Heimspiele in einem Steinbruch bestreitet, vor die Mikrofone und Diktiergeräte der Pressevertreter trat, wirkte er schon wieder gefasst. „Natürlich ist es sehr frustrierend, mit nur einem Gegentor bei der Weltmeisterschaft auszuscheiden“, flüsterte er, „aber so ist das im Fußball. Wer die Tore schießt, gewinnt.“ Und er hatte verloren. So melancholisch und gedankenverloren Eduardo dos Reis Carvalho dreinblickte, wirkte er wie die personifizierte Verkörperung des Fado. Jenem traditionellen portugiesischen Musikstil, der von unerfüllter Liebe, Schicksal, Sehnsucht und Saudade handelt. Dem Weltschmerz.

Fußball hinter Gittern

Die Elftal ist zurück in Kapstadt, knapp zwei Wochen nachdem sie erstmals bei dieser WM hier auftauchte. Damals produzierte die holländische Nationalmannschaft nicht nur Schlagzeilen wegen des 2:1-Sieges über Kamerun. Sondern auch, weil Trainer Bert van Marwijk eine Trainingseinheit sausen ließ und stattdessen mit seiner Mannschaft einen Ausflug nach Robben Island unternahm. Was den ein oder anderen schmerzfreien Redakteur zu wahnsinnig geistreichen und niveauvollen Wortspielchen (Robbens Island etc.) animierte.

Sei’s drum. Spannend ist die Geschichte der knapp 550 Hektar großen, etwa zwölf Kilometer vor der Küste Kapstadts gelegenen einstigen Gefängnisinsel allemal. Nicht nur, weil der erste schwarze Präsident Südafrikas und Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela dort 18 Jahre inhaftiert war und damit den Großteil seiner 27-jährigen Gefangenschaft. Sondern weil auf dem flachen Eiland auch organisierter Fußball stattfand.

Knapp 30 Minuten dauert die Überfahrt mit der „Sikhululekile“ (übersetzt: „Wir sind frei“), einem Schiff das 300 Touristen Platz bietet, von der Nelson-Mandela-Gateway an Kapstadts Waterfront zur Insel, die seit 1997 als nationale Gedenkstätte und Museum fungiert. Seekrank sollte man besser nicht sein oder zumindest die guten Superpep-Dragees gegen Reiseübelkeit griffbereit haben, wenn man die Fähre besteigt, denn je nach Wetterlage schaukelt der Kahn doch beträchtlich. Auf der flachen und trostlosen Insel, die von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde, leben ein paar herumstreunende Katzen, Brillenpinguine und Seehunde. Daher der Name. Aber auch ein paar wenige Menschen. Man mag es kaum glauben, dass einige von ihnen früher auf Robben Island inhaftiert waren und heute als Museumsführer Besucher durch das Gefängnis schleusen und von ihrem einstigen Leben erzählen. Eine gespenstische Vorstellung.

Auf der gut zweistündigen Führung, die viele der Mitreisenden recht sprachlos zurücklässt, fährt man im Bus einmal rund um die Insel und entdeckt alte Steinhäuser, einen Leuchtturm und den Kalksteinbruch. Dort mussten die Häftlinge Schiefer abbauen. Bereits ab Mitte des 17. Jahrhundert, als der Holländer Jan van Riebeeck die erste Kapsiedlung gründete, fungierte Robben Island als Sträflingskolonie. Später diente der Ort jedoch nicht nur als Gefängnis, sondern auch als Krankenhaus, Leprastation oder, wie im Zweiten Weltkrieg, als Militärbasis.

Nelson Mandela wurde 1964 auf die Insel gebracht, nachdem man ihn und seine Mitstreiter, die Elite des schwarzen Widerstandes gegen das Apartheid-Regime, zu lebenslanger Haft verurteilt hatte. Seine winzige Zelle mit der Nummer 46664, die man bei dem Rundgang durchs Museum besichtigen darf, ist geschätzte vier Quadratmeter groß und bietet in der Breite immerhin so viel Platz, um eine Schlafmatte auf den Betonboden auszulegen.

Als 1948 die Nationale Partei, burische Nationalisten, die Parlamentswahlen gewann, begann die Hochphase der strikten Rassentrennung. Im weiteren Verlauf wurden die Apartheid-Gesetze zunehmend verschärft. Jeder Rasse wies man unterschiedliche Wohngebiete (Townships) zu. Fortan verbot man Mischehen, stellte sexuelle Beziehungen zwischen unterschiedlichen Rassen unter Strafe und verwehrte Schwarzen den Zugang zu Universitäten. An Restaurants hingen Schilder mit der Aufschrift „Whites only“, an Bushaltestellen gab es Bänke für Weiße und für Schwarze, öffentliche Toiletten hatten separate Eingänge und Badestrände wurden geteilt.

Der Fußball, den 1860 britische Siedler in Südafrika einführten und der schon bald als Sportart der schwarzen Arbeiterschaft aus den Townships aufblühte, bildete da keine Ausnahme. Da während der Apartheid gemischte Auswahlmannschaften verboten waren, hatte jede Rasse ihren eigenen Sportverband. Als der Fußballverband (FASA), Mitglied der FIFA seit 1910, beschloss, bei internationalen Wettkämpfen nicht in gemischt-rassigen Teams anzutreten, wurde er vom internationalen Fußballverband 1964 erst suspendiert und von 1976 an bis zum Ende der Apartheid 1992 ausgeschlossen.

Das runde Leder rollte auch auf Robben Island. In der Ausstellung „Cell Stories“ in Block A steht sogar noch ein Fußballpokal. Zu Spitzenzeiten saßen bis zu 1600 Häftlinge hinter Gittern, die Auslauf und Abwechslung brauchten. Nachdem die Gefängnisleitung den Insassen 1965 erlaubte, Fußballspiele auszutragen, durften sie 1969 sogar einen eigenen Verband gründen, die Makana Football Association. Gespielt wurde in drei Ligen, prominentester kicker war Jakob Zuma, der heutige Staatspräsident. Mandela indes spielte nicht, „er blieb in Isolationshaft, wurde aber in geschmuggelten Botschaften über die Tabellenstände informiert“, ist in einem Heft von Amnesty international zu lesen. Der Makana-Fußballverband existierte bis zur Schließung des Gefängnisses nach dem Ende der Apartheid. 2007 verlieh ihm die FIFA die Ehrenmitgliedschaft.

Wer noch mehr erfahren möchte: Die Geschichte des Fußballs auf Robben Island gibt es als Buch sowie als Film unter dem Titel „More than just a game“.

23310 Kilometer – abgefahren!

Viele Menschen denken in Schubladen. Ich gehöre leider auch dazu, manchmal zumindest. Und deshalb waren die Vorstellungen von diesem Mann, der gleich im Paulaner Bräuhaus an Kapstadts Waterfront auftauchen sollte, klar umrissen. Lange Haare, großflächige Tattoos, von der Sonne gegerbte Haut. Einer, der die Bierflasche mit den Zähnen öffnet. Typ Easy Rider, mit Harley, schwarzer Lederkluft und angsteinflößendem  Heavy-Metal-Aufnäher auf dem Rücken. So, wie einer halt aussieht, der mit dem Motorrad von Deutschland bis nach Südafrika fährt. Ganz alleine. Born to be wild.

Auf Jens Hilgert aber trifft nichts von dem zu, was einem an Klischees durch den Kopf geistert. Hilgert ist 41, Sauerländer aus Neuenrade, seit fast zehn Jahren glücklich verheiratet und Geschäftsführer eines Bau­marktes. Ein deutscher Durch­schnittsbürger von gewöhnlichem Aussehen, der gerne die Welt bereist. Allerdings nicht als Pauschaltourist, sondern mit Trekkingrucksack auf dem Buckel. Und einer, der eine zweite Leidenschaft hat. Fußball. Hilgert ist Vorsitzender des Bay­ern- München-Fanklubs Sauerland, kicker-­Abonnent seit über 20 Jah­ren und Groundhopper. Also einer jener Menschen, die sich rund um den Globus Spiele ansehen. Seit 1990 war er bei jeder Europa- und Weltmeisterschaft vor Ort. Und seine Reiseziele nahmen immer exotischere Ausmaße an. Südamerika etwa hat er bis auf Kolumbien und Ecuador komplett bereist und sich überall Fußballspiele angeschaut. So entstand die diffuse Idee, 2010 auf dem Landweg von Lüdenscheid nach Südafrika zu reisen. Nachdem Hilgert Internetblogs von Motorrad­fahrern, die Afrika durchquerten, entdeckt hatte, stand für ihn fest: „Das wäre das größte Aben­teuer.“

Um zu bemes­sen, wie abstrus dieses Vorhaben war, muss man wissen, dass Hilgert zwar im Alter von 18 Jahren den Führerschein erwarb, aber seither null Fahrpraxis hatte. Ein totaler Anfänger also. „Anfangs dachte ich, der ist verrückt“, erzählt Pia Maria, seine Frau, die neben ihm an diesem klebrigen Bierzelttisch im Bräuhaus hockt. „Aber wenn jemand einen Traum hat, soll man ihn dabei unterstützen.“ Sie selbst fährt kein Motorrad und als sich ihr Mann zum Kauf entschloss, war sie anfangs „schon ziemlich skeptisch. Aber als ich gemerkt habe, wie vorsichtig und vorausschauend er fährt, war ich einigermaßen beruhigt“, versichert sie. Hilgert besuchte fortan Motorradmessen, tauschte sich mit erfahrenen Bikern aus und ließ sich von einem Mechaniker, der selbst einen solchen Traum hatte, ihn jedoch nicht verwirklichte, in gemeinsa­men Schrauberabenden Wartungs­- und Reparaturarbeiten erklären.


Am 18. Februar war es schließlich so weit. Hilgert startete die Zündung seiner BMW 1200 Adventure, die er im September 2009 erwarb. Und bretterte mit sagenhaften 2169 Kilo­metern Motorrad­erfahrung los. Mit GPS, 14 Globetrotter-Mahlzeiten, Was­seraufbereitungsmitteln, einem Zelt und der Fanklubfahne im Gepäck (siehe Foto). Allerdings ohne Mitfahrer, weil der drei Monate vom dem Trip einen Rückzieher machte. „Als er mir das erzählte, brach eine Welt für mich zusammen, weil für mich von Anfang an feststand, dass ich dieses Abenteuer nicht alleine durchziehen wollte“, berichtet er. „Aber nach drei nahezu schlaflosen Nächten stand für mich fest: Ich ziehe es alleine durch.“ Das tat er dann auch. „Zwei Ansprüche hatte ich an die Reise“, betont er, „Kultur und Leute kennenlernen. Und in jedem Land ein Fußballspiel besuchen.“ 28 Begegnungen schaffte er bis zum Start der WM, jedes handschriftlich notiert auf einem Din-A-4-Blatt. Lediglich in Ungarn klappte es nicht. Wetterbedingte Spielabsage. „Die aufregendste Partie war das Haupt­stadtderby in Addis Abeda zwischen St. George und Coffee“, erzählt er, „vor 40 000 Äthiopiern in einem völlig überfüllten Stadion. Wahrscheinlich war ich der einzige Weiße.“ Die Tickets ergatterte er nur durch die Hilfe eines Journalisten, weil der äthiopische Fußballverband im Vorfeld der Reise auf Anrufe oder emails nicht reagierte.

Hilgert durchquerte auf seiner Tour 17 Länder, besuchte das Dra­cula-Schloss im rumänischen Bran, die Meteora-Kloster in Griechen­land, das verwunschene Kappado­kien in der Türkei und Damaskus, die älteste Stadt der Welt. „Dort in Syrien sind sie super gastfreund­lich“ schwärmt er. „Selbst bei einem Tankstopp laden sie einen zum Tee ein und bieten dir eine Übernachtung an.“ An manchen Tagen riss er mehr als 800 Kilometer herunter und oft wusste er morgens nicht, wo er nächtigen würde. Manchmal musste er das Zelt sogar in der Wüste aufschlagen oder mit einem „extrem abenteuerlichen Übernachtungsquartier“ Vorlieb nehmen. Aber es gab auch Phasen, in denen er das Krad stehen ließ und sich dem Sightseeing widmete oder im Toten Meer badete. „Als ich vor den Pyramiden von Gizeh stand, bekam ich eine richtige Gänsehaut“, gesteht Hilgert. „Dort wurde mir erstmals bewusst, wie weit ich es schon geschafft hatte.“

Auf den afrikanischen Kontinent brachte ihn schließlich die Fähre von Assuan ins sudanesische Wadi Halfa, die nur einmal pro Woche verkehrt. Wäh­rend der 18-stündigen Überfahrt traf Hilgert elf Zweiradfahrer, die auch zur Weltmeisterschaft wollten. Vier Deutsche, sechs Schweizer und einen Spanier. Letzterer auf einer Vespa. Und all jene, die wie Hilgert die östliche Route über Äthiopien, Kenia, Tansa­nia, Sambia und Botsuana wählten, kamen wohlbehalten in Südafrika an. Auch Ingolf Lück, den Hilgert im Okavangodelta aufspürte (siehe Foto). Der Comedian hatte aber kein Motorrad dabei. „Erst wusste ich nicht, wer das ist, obwohl er mir so bekannt vorkam“, gesteht Hilgert, „aber als ich die Nase sah, fiel es mir wieder ein.“

Nun muss Hilgert eine kurze Erzählpause einlegen, weil der in Trachtenhemd und Lederhose gekleidete schwarze Bedienstete die Essensbestellung auf dem Tisch ablädt. Weißbier, Brezel und Weißwürste. „Zum Weißbier fällt mir noch eine kleine Anekdote ein“, erzählt Hilgert grinsend. In Khartoum, der Hauptstadt des Sudan, habe er auf einem Campingplatz gezeltet, „und man kann sich nicht vorstellen, wie bitter es ist, wenn man dort angekommen ist und bei gefühlten 48 Grad Celcius kein Bierchen zischen darf, weil Alkohol dort strengstens verboten ist.“ So sieht es die Sharia vor, das islamische Gesetz. Im November 2009 wurde ein nigerianischer Fußballer wegen Missachtung zu 40 Peitschenhieben verurteilt.

In eine ähnlich missliche Lage, entweder weil keine Lebensmittel aufzutreiben waren, Wasser oder Benzin knapp wurden, geriet Hilgert nie. Auch von Überfällen weiß er nicht zu berichten, „und die gefährlichen Regionen habe ich gemieden, denn so bin ich eh nicht drauf“. Selbst die Einsamkeit sei beherrschbar gewesen, „denn meine Frau stieß zweimal für zwei Wochen zu mir und begleitete mich“. Sie saß dann hinten auf dem Bock und beide staunten nicht schlecht, als sie in Kenia und Tansania erstmals in ihrem Leben Elefanten, Giraffen und den schneebedeckten Kilimandscharo erblickten. In der restlichen Zeit ohne seine Frau traf Hilgert immer wieder auf Leute, mit denen er ein Stückchen gemeinsam reiste.

„Richtig heikel wurde es nie, die Menschen in Afrika waren freundlich. Und wenn du einmal anfängst zu winken, winken dir hunderte an den Straßen zurück“, schwärmt er. „Bauchgrim­men bekam ich nur in Äthiopien. Aber dort war sowieso alles anders. Die leben in einem anderen Jahr und mit einer anderen Uhrzeit. Zu 99 Prozent waren die Leute zwar freundlich, aber es kam auch vor, dass einige Steine schmissen oder Müll vor das Motorrad warfen.“ Zudem musste er höllisch aufpassen und konnte durch die Dörfer nur im Schritttempo fahren, weil Menschen und Tieren die Straßen bevölkerten.

Nach mehr als dreieinhalb Monaten und 23 310 Kilometern erreichte Hilgert am 8. Juni sein Ziel. Zwischendurch, an der Grenze von Äthiopien nach Kenia, musste er sein Bike noch auf einen Landcruiser schnallen, weil durch den Regen eine 550 Kilometer lange Offroadpassage für Zweirä­der unpassierbar war. Und das ausgerechnet in einer Region, vor deren Durchquerung das Auswärtige Amt gewarnt hatte, weil Rebellen dort ihr Unwesen treiben. Es tauchten dann tatsächlich jugendliche Wegelagerer auf und blockierten die Straße. „Aber nach­dem ich 20 Dollar Wegezoll gezahlt hatte, durfte ich weiter.“ Trotzdem brauchten er und zwei Südafrikaner drei Tage, weil sie ihre Fahrzeuge immer wieder mit der Seilwinde aus dem Schlamm ziehen mussten. Teilweise halfen ihnen die jugendlichen Gelderpresser sogar dabei, die Gefährte mit bloßen Händen oder Schaufeln aus dem Morast zu befreien.

So endete Hilgerts vorerst letz­tes Abenteuer „und der definitiv härteste Part der Reise“. Zusammen mit seiner Frau wohnte er ein paar Tage in der Nähe von Kapstadt bei den beiden erfahrenen Afrikadurchquerern aus Südafrika, die Hilgert im Rebellengebiet kennenlernte. Und dank der Follow-your-team-Tickets kann das Ehepaar vielleicht sogar das Endspiel in Johannesburg sehen, vorausgesetzt, die deutsche Nationalmannschaft  erreicht es. Zurück ins Sauerland geht es erst am 5. August, von Namibia aus. Und zwar mit dem Flugzeug, das Bike wird in einem Container verschifft. „Aber bis dahin“, verspricht Hilgert, „mache ich erst einmal Urlaub.“

Schweinshaxe an der Côte d’Azur

Rumms. Wieder kracht der Ball ans Garagentor. „Das war ein Eigentor“, ruft Rowan, der Torwart. Eigentlich war Joplins Kullerball  haltbar, aber irgendwie hat es der sechsjährige Rowan geschafft, an der kleinen Plastikkugel vorbeizutreten und sie in einer fließenden Bewegung mit der Wade ins Tor zu befördern. Rowan wird wohl noch ein bisschen üben müssen, bis er in Messis Fußstapfen treten kann. Aber vermutlich möchte  er das nach dem famosen Sieg der Deutschen über Argentinien überhaupt nicht mehr. Wenn man in die Gesichter der beiden Jungs blickt, muss man sie nach ihren Sympathien erst gar nicht fragen. Rot-schwarz-gelbe Farbe ziert ihre Wangen, sie ist trotz des morgendlichen Waschgangs noch vom Vortrag übrig geblieben.

Rowan durfte gestern mit ins Stadion, zusammen mit seinem zehnjährigen Bruder Dylon (siehe Foto), seinem Papa und der Mama. Seine Schwester Caitlin, 10, und der vierjährige Joplin mussten zu Hause bleiben. Die Mutter, Nadja, ist Deutsche, ihr Mann, Chris, Engländer. Seit fünfeinhalb Jahren leben sie in Südafrika, in der wunderschönen Hout Bay, ihre Kinder gehen auf die Walldorfschule nach Constantia. Nach Hout Bay oder auch nach Somerset West hat es viele Deutsche verschlagen. Für Nadja, eine frühere Journalistin, war es der erste Stadionbesuch. Und Chris ist zwar Fußballfan, aber von ManUnited. Südafrikanische Ligaspiele schaut er sich keine an. Nur als Fergusons Truppe im Vorjahr auf Promotion-Tour in Kapstadt aufschlug, besorgte er sich Tickets. „Es war toll“, jauchzt Rowan, „nur einmal hat er kurz geweint“, berichtet Nadja. Aber nur, weil er zu Anfang des Spiels die Ohrenstöpsel rausnahm und ihn plötzlich der ohrenbetäubende Lärm der Vuvuzelas doch einigermaßen irritierte.

Obwohl im Green Point Stadion gestern weitestgehend die blau-weißen Farben der “Maradonianer” dominierten,  hatte die deutsche Mannschaft gewissermaßen ein Heimspiel. Denn in Kapstadt, der ältesten kolonialen Siedlung Südafrikas, und seiner Umgebung leben zwischen 30000 und 50000 Deutsche. Je nachdem, welcher Quelle man vertraut und ob man die Zweitwohnsitzer mit einbezieht. Einen großen Anteil machen die „Schwalben“ aus. So werden hier die Rentner genannt, weil es sie wie die Zugvögel im Winter in wärmere Gefilde zieht. Aber auch viele Geschäftsleute tummeln sich in der multikulturellen Stadt „am schönsten Ende der Welt“. Hier, in den noblen Vororten wie Camps Bay oder Clifton Bay, lässt es sich leben wie an der Cote d’Azur. Man muss nur die kilometerlangen Wellblechbaracken der Millionen Townshipbewohner ausblenden. Und das gelingt augenscheinlich nicht wenigen.

Auch viele Filmleute zieht es hierher, schließlich werden in Südafrika viele deutsche Spielfilme gedreht. Zudem besitzt die Filiale des Maklerbüros Engel und Völkers vier Filialen in der Stadt. Darüber hinaus erwarben eine Vielzahl von Deutschen Weingüter in der Umgebung. So wie Modefabrikant Franz Peter Falke, der sich in Stellenbosch eine Weinfarm zulegte. In Kapstadt selbst gibt es eine deutsche Schule, einen deutschen Kindergarten, einen deutschen Metzger, einen deutschen Bäcker, eine deutsche Buchhandlung, einen deutschen Friseur, einen deutschen Zahnarzt, eine deutsche Immobilienberatung oder die deutsche St. Martini-Kirche. Und die liegt ausgerechnet auf der größten Partymeile, der Long Street. Momentan bietet sie sogar Public Viewing an bei den Spielen der deutschen Mannschaft.

Gemeinschaftliche Fußballabende gibt es auch in der Tafelberg Taverne, einem deutschen Restaurant in Gardens. Jenem Stadtteil, der als kleine deutsche Enklave gilt. Currywurst, Schnitzel, frischgezapftes Bier und „Kartoffelsalat wie bei Muttern“ preist das Restaurant an. Unangefochtener Hotspot für  germanische Fußballfans ist jedoch das Paulaner Bräuhaus an der Waterfront mit Festzelt und Biergarten. Hier steigen die schwarz-rot-goldenen Fußballpartys inklusive „So-sehn-Sieger-aus“-Gegröhle. Und hier trifft sich der Stammtisch von Daimler und Siemens. Wer auf Oktoberfeststimmung selbst in Südafrika nicht verzichten kann, bekommt dort alles geboten, was der Liebhaber bayerischer Lebensart begehrt. Schwarze Bedienungen im Dirndl oder wahlweise in Trachtenhemd und Lederhose, heimelige Dickebackemusik und Bierzeltmobiliar. Bajuwarische Spezialitäten wie Weißwurst, Obatzda, Eisbein, Schweinebraten, Leberkäse und Schweinshaxe dürfen natürlich auch nicht fehlen. Selbst  Dieter Thomas Heck ist dieser Tage schon gesichtet worden. Die Ikone der ZDF-Hitparade war während der WM zu Besuch bei seinem Sohn Nils Heckscher, dem Hotelmanager eines der besten Schuppen am Platz.

Fürs leibliche Wohl sind übrigens zwei Deutsche verantwortlich. Frank Dammert, der Restaurant-Chef. Und Wolfgang Ködel, der „Master-Brewer“. Als Braumeister überwacht er die Qualität des Weißbiers, der Halben, des Radlers oder des Russen. Die Zutaten für den leckeren Gerstensaft bezieht Ködel selbstverständlich aus Deutschland. Die Hefe aus München, das Malz aus Bamberg und den Hopfen aus Hallertau. Jährlich richtet man auch ein Oktoberfest aus, mit Fingerhakeln, Maßkrugstemmen und Blasmusik. Gestern jedoch gab es schon Stunden vor dem Anpfiff keinen Einlass mehr, selbst die Presseakkreditierung half nichts. „Sorry, we’are full“, hieß es bloß. Aber zum Glück gab es auch an anderen Ort der Stadt ausgiebig Gelegenheit zum Schunkeln und Fröhlichsein. Hier, in der Stadt der Deutschen.

Oranje, Piraten und ein Aschaffenburger

Brasilien ist raus. Johan Cruyff mag das nicht sonderlich überraschen, so heftig, wie er die Selecao für ihren Fußball kritisierte. Mich schon. Mann ist das schade. Zu gerne hätte ich Luis Fabiano, Kaka und die anderen Sambastars am Dienstag hier im Green Point Stadion in Kapstadt kicken sehen. Aber einen Vorteil hat es immerhin. Holland mitsamt seiner orangefarbenen Karawane (siehe “Invasion der rollenden Dixie-Häuschen”) schlägt wieder in der Stadt auf.

Und das wird man in Parow bestimmt gerne sehen. Dort, in einem Vorort Kapstadts, liegt Ikamva, das Trainingszentrum von Ajax Cape Town. Das ist neben Santos der zweite Kapstädter Fußballklub, der in der höchsten südafrikanischen Liga, der 16-köpfigen Premier Soccer League, spielt. Mit Platz sieben schloss Ajax die vergangene Spielzeit ab, seit gut zehn Tagen hat die Vorbereitung auf die neue Saison begonnen.

Vergangene Woche, vor dem Spiel der Holländer gegen Kamerun, besuchten rund 250 Oranjefans Ikamva und lauschten den Worten von Foppe de Haan, dem Trainer von Ajax, der einen Tag vor seinem 67. Geburtstag einen Vortrag hielt. De Haan ist Fußballexperten ein Begriff. 19 Jahre lang (1985-2004) trainierte er den SC Heerenveen. So lange hielt es noch kein Trainer bei einem Klub der höchsten niederländischen Liga aus. Unter ihm stieg Heerenveen 1993 in die Eredivisie auf und qualifizierte sich 1999 erstmals in der Vereinsgeschichte für die Champions League. 2004 übernahm de Haan dann die holländische U-21-Auswahl und führte sie 2006 und 2007 zur Europameisterschaft.

Seit einem Jahr trainiert er Ajax Cape Town. Jenen Klub, der 1999 aus einer Fusion der damaligen Erstligaklubs Cape Town Spurs und Seven Stars entstand, weil Ajax Amsterdam Anteile an beiden Vereinen erwarb. Im Zuge der Verpflichtung von Benni McCarthy, dem aktuellen südafrikanischen Nationalspieler, entstand bei dem niederländischen Rekordmeister damals die Idee, mit Ajax Cape Town eine südafrikanische Talentschmiede ins Leben zu rufen, um weitere McCarthys herauszubringen. Seither wird nach dem Ajax-System gespielt und trainiert. Auch Südafrikas Nationalspieler Steven Pienaar (FC Everton), der frühere Dortmunder, lernte bei Ajax Cape Town das Fußballspielen.

Und ein bisschen Deutsch spricht man hier in Ikamva übrigens auch. Das liegt an Max Grünewald. Seit zwei Jahren arbeitet der gebürtige Aschaffenburger als Teammanager. Er trägt zwar nicht die sportliche Verantwortung oder tätigt Spielertransfers, aber er sorgt dafür, dass die Abläufe rund um die erste Mannschaft reibungslos funktionieren. Der 28-jährige Betriebswirtschaftler begann als Praktikant in der Marketingabteilung, sein organisatorisches Talent verhalf ihm zum klubinternen Aufstieg.

Den Meistertitel der 1995 gegründeten Premier Soccer League (PSL, das Foto zeigt die Abschlusstabelle 2009/10) konnte Ajax in seiner jungen Klubhistorie jedoch noch nicht einfahren und auch die Qualität des südafrikanischen Ligafußballs ist trotz eines lukrativen Fernsehvertrages, den die PSL 2007 mit dem Sportsender Superchannel unterzeichnete, nicht allzu hoch. Zu den Spielen der höchsten Spielklasse pilgern meist nicht mehr als 2000 Fans, außer, es geht gegen die Orlando Pirates oder die Kaizer Chiefs, den beiden populärsten Klubs des Landes. Das Derby zwischen den in Soweto beheimateten Vereinen ist auf dem gesamten Kontinent berühmt. Seine schwärzeste Stunde erlebte es am 11. April 2001, als bei einer Massenpanik im vom mehreren zehntausend Fans besuchten Johannesburger Ellis Park 43 Menschen zu Tode kamen.

Die Pirates sind über die Grenzen hinaus bekannt, weil der Verein während der Apartheid der größte und beliebteste Klub des Landes war, wegen der Rassentrennung aber nicht an der organisierten Liga teilnehmen durfte. Und die Kaizer Chiefs kennt man unter anderem auch, weil sich die gleichnamige britische Rockband aus Leeds nach ihnen benannte. Und zwar als Hommage an Lucas Radebe. Der ehemalige südafrikanische Nationalspieler (70 Einsätze) wechselte 1994 von den Kaizer Chiefs in die Premier League zu Leeds United. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Die Hand Gottes spricht

Was mich an meisten nervt an diesem Job, ist das Warten. Erwähnte ich ja bereits in einem früheren Blog. Aber heute hat es sich mal so richtig gelohnt. Denn Diego Maradona war angekündigt. Für 20.15 Uhr. Und das wollte ich nun wahrlich auf keinen Fall verpassen. Normalerweise versuche ich, Pressekonferenzen zu vermeiden. Besonders solche, die unmittelbar vor einem Spiel stattfinden. Weil das, was dort von den Trainern transportiert wird, ungefähr den gleichen Unterhaltungswert hat wie die Börsennachrichten kurz vor der Tagesschau. Aber was sollen sie auch sagen. Können ja schlecht die Taktik oder die Aufstellung verraten. Bei Diego allerdings weiß man nie, was passiert. Ich erinnere nur an die … ach das darf ich an dieser Stelle bestimmt nicht publizieren. Aber es weiß ja sowieso jeder, was gemeint ist. Außerdem: Wann hat man schon mal die Möglichkeit, der Hand Gottes nah zu sein. Mir war das jedenfalls noch nicht vergönnt. Und wie mir, muss es wohl vielen Kollegen gehen. Denn als um 18.02 Uhr im Medienzentrum ausgerufen wird, dass  nun die Pressezutrittskarten für Maradona verteilt werden, springen ungelogen bestimmt 40 Journalisten auf und eilen ans Ticketdesk. Denn ab dem Viertelfinale sind die Fragerunden nur für eine begrenzte Anzahl Journalisten offen.

Um 20 Uhr betrete ich den Pressekonferenzraum. Es gibt nur noch Stehplätze. Ich habe mich noch nicht einmal richtig umgeschaut, schon betritt ER die Bühne. Diego Armando Maradona. Und das viel zu früh. “Seid ihr alle aus den Niederlanden”, will ER von den Fotografen wissen, die allesamt orangefarbene Leibchen tragen. Holland hat ja bekanntlich Brasilien am Nachmittag eliminiert, was bei IHM bestimmt heftiges Schenkelklopfen auslöste. Die Pressemeute juchzt. Dann geht’s los. Recht harmlos. Erste Frage: Wie schwer wird es gegen die Deutschen, Diego? “Die sind nicht unschlagbar”, erwidert ER. Nächste Frage: Du hast 1986 und 1990 zweimal im Endspiel gegen sie gespielt. Welche Erinnerungen hast du? “Das ist ein Gegner, der uns immer einen harten Kampf geliefert hat.” Wie gesagt, nicht spektakulär. Auch ER bedient sich aus der Phrasenschatulle. Aber immerhin funkelt der Brillie im Ohr. Manchmal ist man schier geblendet. Gelächter im Raum. Auch der FIFA-Offizielle, der rechts neben ihm sitzt, grinst sich eins und berührt IHN am rechten Oberarm. “Hey, ich kann mich gar nicht auf die Frage konzentrieren, wenn du mich betatscht”, entgegnet ER. Das Grunzen im Saal steigert sich. Der FIFA-Typ zieht die Hand kurz weg und fasst ihn nochmal an. ER schaut wieder rüber. “Also wirklich, jetzt hast du mich schon wieder angefasst.”

Dann die nächste Frage. Wiederholen kann ich sie nicht, weil sie etwas umständlich gestellt war. “Ich habe noch nie eine so lange Frage gehört”, entgegnet Diego dem spanisch sprechenden Kollegen. “Aber ich werde versuchen, auf diesen Roman eine Antwort zu geben. Also ich fange mal an. Wir werden starten mit elf Mann. Und jeder versucht, seinen Job zu machen.” Unglaublich, der Mann. Dann erkennt ER einen Medienvertreter. “Hey, du bist doch bei jeder Pressekonferenz. Du bringst uns offenbar Glück, kommst du morgen auch?”

Es geht weiter mit Fragen zur Taktik und Aufstellung. Die Antworten sind fad. Belanglos. Dann erhebt ein portugiesischer Kollege das Wort und möchte etwas wissen zu Cristiano Ronaldo. Richtig kapiert habe ich nicht, was er wollte. ER offenbar schon. “Sowas sollten sie nicht fragen”, sagt ER barsch. “Also wirklich. Sowas soll man nicht fragen.” Nun ist eine italienische Journalistin dran, sie spricht italienisch. “Sie müssen die Frage in einer offiziellen Sprache stellen”, kritisiert ER. Um sie dann sofort zu beantworten. Der nächste ist dran. Frage: Was sagen Sie zum Schiedsrichter beim Spiel zwischen Portugal und Spanien. “Die Leistung des Schiedsrichters war katastrophal. Kein Platzverweis und ein Abseitstor.” Und wo er schon mal so richtig in Fahrt ist, legt er nach. “Sehen sie. Manchmal frage ich mich, warum es überhaupt Linienrichter gibt. 1966, beim Spiel England gegen Deutschland, war der Ball nicht einmal in der Nähe der Linie, aber das Tor wurde gegeben. Ehrlich, der Ball war eindeutig vor der Linie. Und dann darf man doch nicht einfach auf Tor entscheiden. Und diesmal war er eindeutig dahinter. Und das Tor zählte nicht. Wozu haben wir überhaupt Linienrichter?”  Der FIFA-Mann kündigt die letzte Frage an: Wie geht ihr den Tag morgen an, Diego? “Wie jeden anderen auch. Wir stehen auf und wollen jeden Tag mit einem Lächeln beginnen. So, danke fürs Zuhören. Und jetzt gehe ich was essen.” Mahlzeit.